HANDSCHRIFTEN

Im Folgenden werden die einzelnen Codices nur kurz beschrieben und eingeordnet. Verweise auf die Handschriftenbeschreibungen und weitere Sekundärliteratur sind in der Bibliographie aufgelistet. Vgl. dazu auch Reich 2021, S. 212–215.

B: München, BSB, Cod. lat. mon. 4660, der Codex Buranus Edition

Dieser Codex zählt nicht nur zu den wichtigsten und umfangreichsten Überlieferungsträgern des lateinischen säkularen Liedes, sondern er ist auch die wohl berühmteste lateinische Handschrift überhaupt, nicht zuletzt durch die Vertonung der Carmina Burana durch Carl Orff (1935/36). Die Handschrift weist über 250 Nummern mitunter lateinisch-deutsch gemischter Lieder auf. Sie entstand um 1230 und weist Nachtragungen bis ins 14. Jahrhundert auf. Die Schreibsprache ist Südbairisch, der genaue Aufzeichnungsort ist aber unsicher. Aufgrund der italienischen Schreibgewohnheiten wurde vor allem Südtirol und genauer Neustift bei Brixen (Lehmann 1922, Steer 1983, Knapp 1996), Kloster Seckau im südlichen Kärnten (Bischoff 1967, Lipphardt 1982) oder Trient (Drumbl 2003) erwogen.

Genauso wenig Sicherheit besteht über den Verwendungszweck des Buches. Einigkeit besteht in der Forschung nur dahingehend, dass es sich bei dem komplex nach thematischen Schwerpunkten sortierten Codex um kein „Liederbuch für herumziehender Kleriker“ (Vollmann 2011, S. 913). Trotz seiner wissenschaftlichen Bedeutung scheint die Sammlung aber kaum eine literargeschichtliche Wirkung gehabt zu haben (vgl. Bernt 1997, Sp. 1185) und der Codex „dürfte seit dem frühen 14. Jahrhundert kaum mehr zur Hand genommen worden sein.“ (Vollmann 2011, S. 904).

Zur Geschichte des Codex und der abundanten Forschung dazu vgl. die Bibliographie und die weiteren Hinweise im Unterpunkt dieser Online-Edition.

Lz: Leipzig, UB Ms. 1250 Edition

Es handelt sich um eine rhetorische Sammelhandschrift (Papier) mit lateinischen und deutschen Partien, die im ostmitteldeutschen Raum lokalisiert wird. Die einzelnen Faszikel werden auf die 80er Jahre oder das 4. Viertel des 15. Jahrhunderts datiert. Der Inhalt ist sehr divergent und umfasst rhetorische (Faszikel I und III) und juristische Lehre (Faszikel IV), die Historia Bohemica von Eneas Silvio Piccolomini (Faszikel V) und eine kommentierte Fassung von De disciplina scolarium des Pseudo-Boethius zusammen mit Predigtentwürfen (Faszikel VI). Das Lied De vagorum ordine steht im Faszikel II mit einer Einführung in die Metrik (fol. 13r–32r) und einer Erzählung von Johannes Jentsch De Buridano et Naverra (fol. 33v–36v). Vgl. dazu Leyser 1842. Den unmittelbaren Rahmen bieten eine schwankhafte Lectio cuiusdam nigri monachi secundum luxuriam (fol. 32v), die auch in Wi überliefert ist, und lateinische Merkverse (fol. 33r). Der Faszikel II hat demnach einen Schwerpunkt, der dezidiert auf unterhaltenden oder zumindest literarischen Texten liegt.

M: München, BSB, Cod. lat. mon. 18910 Edition

Es handelt sich bei der Papierhandschrift vom Ende des 15. Jahrhunderts (1494–1498) um eine „für den individuellen Gebrauch angelegte Textsammlung, die ihrem Besitzer während seines Studiums als persönliche ‚Handbibliothek‘ dienen sollte.“ (Baldzuhn 2009, Bd. 1, S. 647). Die Handschrift stammt aus der Benediktinerabtei Tegernsee, wurde aber nicht dort verfasst. Ein frater Matthias (fol. 1r), womöglich Matthias Reuchlin, der in Ingolstadt studierte (vgl. Baldzuhn 2009, Bd. 1, S. 647, Anm. 375), überließ die Handschrift der Klosterbliothek wohl mit seinem Eintritt. Im Zuge der Säkularisierung gelangte das Manuskript dann nach München.

In Tegernsee wurde die Handschrift durch ein Inhaltsverzeichnis erschlossen und durch korrespondierende Überschriften strukturiert. Die Texte zeichnen sich durch umfassende und systematische Glossierung und Kommentierung aus. Neben klassischer Versdichtung – Avians Fabulae, (Pseudo-)Ovids De cuculo, De arte amandi, De remedia amoris oder Heroides, Vergils Bucolica, Terenz’ Andria und Eunuchus, Horaz’ Ars poetica – finden sich auch (zeitgenössische) Schulgedichte wie Petrus Popons Colloquia de scholis Herbipolensis, Johann Fabris Carmen de moribus studentium et beanorum, die Epistola de modo adipiscendi studium oder das Carmen de conditione indoctorum. Am Ende der Handschrift stehen mehrere aristotelische Schriften (De somno et vigilia, De sensu et sensato, De memoria et reminiscentia, De anima). Baldzuhn (2009, Bd. 1, S. 647) nimmt an, dass die Handschrift über vergleichsweise kurze Zeit von einem oder zwei (Haupt-)Schreibern verfasst wurde und allenfalls die Aristoteles-Partien als Teil des fortgeschrittenen Studiums später zu datieren sind. Auf die humanistische Artistenfakultät verweisen unter anderem auch die Komödie Leonardo Brunis Polyxena und die Passagen Samuel Karochs von Lichtenberg. Zu einer Bewertung der Handschrift als Schulbuch im Format einer Handbibliothek aus dem Umfeld der Artistenfakultät vgl. umfassend Baldzuhn 2009, Bd. 1, S. 644–648.

De vagorum ordine ist nicht das einzige Lied in schwankhaft-humorvollem Gestus (Vgl. Carmen ancillarum queremonias comprehendens, Carmen de calliditate malarum mulierum oder Carmen de conditione indoctorum). Es steht im ersten Teil der Handschrift, in der Versdichtungen dominieren, und zwar in einem Block mit mehreren kürzerern Carmina (190r–194v). Die Heterogenität der Handschrift wird durch den Kotext deutlich. Vor der genannten Textpassage steht Horaz’ Ars poetica, es folgen ein Pesttraktat, die (glossierte und kommentierte) Komödie Geta des Vitalis von Blois (12. Jh.) und Ovids XV. Herodienbrief Sappho ad Phaonem.

Pé: Pécs/Fünfkirchen, Diözesanbibliothek, DD. III. 18 Edition

Diese Papierhandschrift aus der Zeit zwischen 1476–1493 ist als Formelbuch von János Magyi bekannt und firmierte in älterer Literatur unter der Bezeichnung Nyírkállói Codex nach einem inserierten Gedicht von Tamás Nyírkállói. Das Buch zählt zu den wichtigsten ungarischen Handschriften, da es zu den früheren altungarischen Quellen zählt. Das Formelbuch wurde (bis auf die letzten drei Faszikel) von dem notarius publicus János Magyi verfasst und enthält hauptsächlich juristische Formeln und Diplome, u. a. aus der Kanzlei von König Matthias Corvinus. Dennoch wurde der Codex offensichtlich nicht für den öffentlichen Gebrauch in der Kanzlei verfasst, sondern entweder für den Unterricht oder zur persönlichen Aufzeichnung. Das zeigen auch die unterschiedlichen Inserate, wie unter anderem auch das Lied De vagorum ordine. Dieses ist Teil des vierten Teils im Formelbuch. Dieser vierte Teil ist mit ca. 200 Formeln der umfangreichste, unterscheidet sich aber von den anderen, da er nicht fortlaufend geschrieben ist, sondern im Codex verteilt, indem er leere Seiten ausfüllt (vgl. Dreska 2016). Die Urkunden beziehen sich weitestgehend auf die 1470 und 1480er Jahre. Im Codex markiert das Lied den Beginn einer Recto-Seite und ist gerahmt von einer juristischen Klausel über einen Nachbarschaftsstreit, die auf der vorhergehenden Verso-Seite beginnt und die mit einem Verweiszeichen wieder aufgegriffen wird. Entweder wurde das Lied früher auf einer leeren Seite eingetragen oder auf einem losen Blatt notiert und dann in den Codex eingebunden – dafür spräche auch die sehr enge Positionierung am Falz, während der Gesetzestext eingerückt und damit leichter lesbar ist. Beim Beschneiden des Blattes achtete man jedoch genau darauf, nicht das Textfeld zu beschädigen.

Pr: Prag, Nat. Bibl. V G 17 Edition

Die Prager Papierhandschrift entstand zwischen 1419 und 1422, womöglich im oberschlesischen Sulisław (fol. 32v: „Subysslaw“) und enthält vornehmlich hagiographische Predigttexte (Semones de sanctis), sowie die böhmisch glossierte Antiphon Canticum triumphale. Das Lied De vagorum ordine steht abgesetzt auf der Verso-Seite eines ansonsten leeren Blattes am Übergang zu einem neuen Faszikel, der von einer anderen Hand geschrieben wurde.

Vo: Volterra, Bibl. Guarnacci 100 (8653) Edition

Die Handschrift ist unsicher in das Italien des 14. Jahrhunderts datiert. Bischoff nimmt an, die Handschrift stamme „offenbar von einem italienischen Schreiber, der den Texte aus Deutschland mitgebracht haben kann“ (Hilka/Schumann/Bischoff 1930–1970, I,3, S. 72, ebenso bereits Suttina 1906/1907, S. 564). Der Hauptteil der kurzen Handschrift (nur 14 beschriebene Blätter) besteht aus moralischen Maximen und Sentenzen, die mitunter Seneca zugeschrieben werden. In einem Nachtrag folgt von einer anderen Hand (fol. 13r) die scherzhafte Liste mit fünf ‚Geißeln des Gemeinwesens‘ („Tribulationes civitatis“, z. B. dem lüsternen Priester, den betrügerischen Kaufmann, der schönen Hure im Bordell), ‚Sieben bäurischen Rohheiten („Septem Rusticitates“) und ‚Sieben Arten von Narren‘ („Septem genera stultorum“). Darauf folgt ein lateinisch-deutsches Mischgedicht, das schon (wenngleich fehlerhaft) in Suttina 1906/1907, S. 564, Anm. 2 transkribiert wurde.

Wer mit den wyben consorcia quaerit habere
Mack er daz getryben et se de fraude cavere
Den will ich schryben arte speciali nitere.
Swygen und gedencken
Slaffen off herten bencken
Ist das vor truren gut
So han huͦren und buͦben gnuͦck.

Es folgt die säkulare Kontrafaktur des Liedes „Iam in orto sidere“ (vgl. auch Édélestand Du Méril: Poésies populaires latines du Moyen-Âge, Paris 1847, S. 205 f. und Frederic James Edward Raby: The Oxford Book of Medieval Latin Verse. Oxford 1959), Nr. 237, S. 362 f. (sakraler Text Nr. 41, S. 53). Den Abschluss der Handschrift markiert das Lied De vagorum ordine.

We: Gräflich Stolbergischen Bibliothek zu Wernigerode, Zb 4m Edition

Die Papierhandschrift aus der Zimelien-Sammlung der Fürsten zu Stolberg-Wernigerode gilt heute als verschollen, nachdem sie am 15. Juli 1945 von britischen Armeeangehörigen (der Abteilung ‚Caplane‘ vom 30. Korps der britischen Militärregierung) entliehen und nach der sowjetischen Übernahme von diesen nicht wieder zurückgegeben wurde. Dennoch sind wir aufgrund der umfassenden Handschriftenbeschreibung von Brodführer 1914 gut über ihren Inhalt und Aufbau unterrichtet (vgl. Oppitz 1993 und Kofler 2008). Das Buch ist auf das Ende des 15. Jahrhunderts datiert und muss vor 1532 abgeschlossen worden sein. Die Schreibsprache ist Rheinfränkisch, was mit den Besitzeinträgen korreliert, die alle im östlichen Vortaunus lokalisiert sind (vgl. Kofler 2008, S. 498 f.). Inhaltlich ist die Handschrift vornehmlich ein Arzneibuch (Harnbeschau, Aderlass, Humoralpathologie, Salbenherstellung), enthält aber auch Medizinisches im weiteren Sinne (Beschwörungen, Astrologie, Tierkunde, Sirup- und Tintenherstellung) und literarisches Schrifttum, d. h. Versepen (Jüngeres Hildebrantslied, Nibelungenlied, Hugdietrich), Kleinepik (Weingrüße, Kurzerzählungen aus Boners Edelstein) und lateinische Lieder. De vagorum ordine steht in einem Block, der von Schreiber 5 (insgesamt sind zwölf Hände zu unterscheiden) geschrieben wurde und neben einer Hofzucht vor allem deutsche schwankhafte Kurzerzählungen und einige lateinische kürzere Texte enthält (fol. 130v–144r abzüglich einer späteren Nachtragung, vgl. Kofler 2008, S. 493 u. 496). Neben Incipit und Explicit, die Brodführer 1914 überliefert, sind die Lesarten zu De vagorum ordine in dieser Fassung durch Bolte 1928 dokumentiert.

Die Transkription von We folgt der sehr handschriftennahen Transkription von Brodführer 1914 in der Strophe 1 und 7. Da dieser nur den Anfang und den Schluss transkribiert, folgen die übrigen Strophen den Lesarten von Bolte 1928.

Wi: Wittingau/Třeboň, Státní Archiv, A 7 Edition

Diese Papierhandschrift umfasst 290 Blätter verschiedener Hände (u. a. von „Frater Crux de Telcz“) und entstand etwa zwischen 1454 und 1471 in Tschechien. Den ersten Teil des Codex dominieren chronikale Texte auf Tschechisch und Latein, die sich vor allem auf die böhmische Geschichte beziehen (fol. 1r–50v). Es folgt auf Tschechisch eine Auslegung des Vater-Unser, ein Regimen sanitatis, das nach den Monaten geordnet ist, und eine Gottesdienstordnung sowie weitere klerikale Texte auf Tschechisch und Latein. Dazwischen stehen Auszüge aus Briefen, Heilmittel gegen Zahnschmerzen, Chronikauszüge, Hinweise zur Baumzucht und zur Alchemie sowie eine Anleitung zum Schatzgraben („De candela ad inveniendum thesaurum“, fol. 108r), die mit einer weisenden Hand explizit hervorgehoben wird. Im zweiten Teil der Handschrift stehen dann einige tschechische Lieder und Sprüche (fol. 139r–156v), unterbrochen von lateinischen Rezepten und dem lateinischen Schwank Passio cuiusdam nigri monachi secundum luxuriam (vgl. auch in Lz, gedruckt in Feifalik 1861, S. 57 f.) und einigen lateinischen Liedern, u. a. dem De vagorum ordine. Es ist auffallend, dass die lateinischen Texte bruchlos in die volkssprachigen tschechischen Texte übergehen mit einem „alia cancio“ (fol. 148v). Den Abschluss dieser Lieder-Passage bildet wieder eine Reihe mit lateinischen Liedern (bis fol. 164v). Auch der letzte Teil der Handschrift ist wenig geordnet und versammelt Hagiographie, Diätetik, einen weiteren Hinweis zum Schatzgraben mit der Wünschelrute „Ad inveniendum thesaurum. De Virgulis“ (fol. 229v), Sallusts Catilina, ein lateinisch-tschechisches Vokabular und lateinische Kirchenlieder.

Generell fällt in dieser Handschrift das Nebeneinander von Latein und Volkssprache auf. Außerdem scheint der Schreiber (oder einzelne Schreiber) ein ausgesprochenes Interesse an linguistischen und textgenetischen Zusammenhängen zu besitzen, was die lexikalischen Passagen und die proto-textkritischen Lesarten in manchen Liedern, v.a. in De vagorum ordine zeigen.